Thomas Osterkorn, Chefredakteur stern
“Die Deutschen erwarten von ihrer Regierung endlich Leistung. Dafür sind sie im Gegenzug auch bereit, selber etwas für das Gemeinwohl und die eigene Zukunft zu leisten. So lassen sich die Aussagen der 620.000 Teilnehmer von Perspektive-Deutschland in diesem Jahr zusammenfassen. …”
In dem Buch "Perspektive Deutschland" werden nun erstmals die Ergebnisse von fünf Umfrage- runden in einer Gesamtschau dargestellt.
Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland nutzt bereits das Internet.
Ähnlich wie einst das Telefon wird sich das Internet binnen weniger Jahre
bei Umfragen zum Standardmedium für Teilnehmerrekrutierung und -befragung entwickeln.
Doch bereits heute lassen sich mit einer zusätzlichen Offline-Befragung (geringeren Umfangs) und statistischen Methoden Online-Ergebnisse so interpretieren wie hochgerechnete Ergebnisse einer ausschließlichen Offline-Befragung. Sie erlauben somit sinnvolle Aussagen über die meisten Bevölkerungsgruppen. Schlüssel dazu ist ein Gewichtungsverfahren. Dieses wird in der Wissenschaft schon länger eingesetzt, konnte aber auf Grund der großen Teilnehmerzahlen zum ersten Mal bei Perspektive-Deutschland seine volle Wirksamkeit in einer Umfrage entfalten.
Bei dem eingesetzten Gewichtungsverfahren werden die Wahrscheinlichkeit des Internet-Zugangs- bzw. die Nutzungshäufigkeit des Internets (Internetverzerrung) sowie die Teilnahmebereitschaft (Teilnahmeverzerrung) über sozio- bzw. psychografische Merkmale prognostiziert. Dadurch können die der Online-Umfrage zu Grunde liegenden Bevölkerungsverteilungen denen einer zeitgleich durchgeführten repräsentativen Offline-Umfrage über Umgewichtung angeglichen und Verzerrungen weitgehend vermieden werden. Dies gilt für alle Bevölkerungsgruppen, die in ausreichender Anzahl sowohl an der Online- wie auch an der Offline-Umfrage teilnehmen, d.h. die 16- bis 69-Jährigen.
Parallel zur Online-Befragung wird Perspektive-Deutschland auch dieses Jahr wieder eine Offline-Befragung durch TNS Infratest durchführen lassen. Diese "klassische" Stichprobe mit 2.400 Teilnehmern erfüllt alle Anforderungen an Repräsentativität.
Auf Basis der Offline-Befragung werden die Verzerrungen in der Online-Umfrage nacheinander in zwei Schritten bereinigt: Zunächst wird die Internetverzerrung behoben: Einige Bevölkerungsgruppen verfügen eher über einen Internetzugang und nutzen das Internet häufiger; daher ist bei ihnen die Wahrscheinlichkeit der Teilnahme an einer Online-Umfrage höher als bei anderen. Zur Bereinigung werden anhand von soziodemografischen Variablen Bevölkerungsgruppen gebildet. Mit Hilfe eines Logit-Modells wird für jede dieser Gruppen geschätzt, wie hoch ihre Internetnutzungswahrscheinlichkeit ist; anhand dieser Schätzung erfolgt die Umgewichtung. Seit 2002 wird bei Perspektive-Deutschland auch die Häufigkeit der Internetnutzung berücksichtigt.
Im zweiten Schritt wird das Problem der so genannten Teilnahmeverzerrung gelöst: An der Online-Umfrage nehmen überdurchschnittlich viele motivierte Personen teil, die beispielsweise ein besonderes Interesse an politischen Themen haben. Alle für diesen Effekt wesentlich verantwortlichen soziodemografischen und psychografischen Variablen werden an die in der Bevölkerung vorkommende Verteilung angeglichen, die durch die Offline-Befragung ermittelt wird. Dies geschieht wie in traditionellen Umfragen über ein Randausgleichsverfahren.
Bei der Umsetzung dieses aufwändigen Verfahrens hat Perspektive-Deutschland intensiv mit unabhängigen Wissenschaftlern aus den Gebieten der Ökonometrie und der empirischen Sozialforschung zusammengearbeitet, u.a. mit Daniel L. McFadden, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2000. Prof. McFadden war maßgeblich an der Entwicklung der Theorie der verhaltensabhängigen Umfrageteilnahme beteiligt und erhielt unter anderem dafür den Nobelpreis. Die im Rahmen von Perspektive-Deutschland eingesetzte Gewichtungsmethodik kombiniert das in der Umfrageforschung bekannte Randausgleichsverfahren mit der Theorie der verhaltensabhängigen Teilnahme an Umfragen.
Bei der Anwendung des Gewichtungsverfahrens wurden höchste wissenschaftliche Standards eingehalten: durch die strikten Qualitätsanforderungen an die Offline-Befragung, den Einsatz hochdimensionierter Regressions- und Randausgleichsverfahren sowie hohe Anforderungen an die Mindestdatenzahl pro Region/Segment.
Der Erfolg dieser Methode zur weitgehenden Bereinigung von Verzerrungen im Teilnahmeverhalten bei Online-Umfragen zeigte sich bereits bei Perspektive-Deutschland 2001 in einer hohen Übereinstimmung des Antwortverhaltens der bereinigten Online-Umfrage mit demjenigen aus der Offline-Umfrage. Dieses Vorgehen hat sich auch in den folgenden Befragungsrunden bewährt und findet Anwendung bei Perspektive-Deutschland 2005.